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UMWELT JOURNAL 2021-4

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UMWELT JOURNAL Nr. 4/2021 mit den Themen: Grundwasser, Renaturierung, Ökosoziale Steuerreform in Österreich, Recycling, Deponietechnik, Recy & DepoTech, Wärmespeicher, Tools für die Smart City, Kreislaufwirtschaft, Grüne Logistik, Energie, ECOMONDO, Key Energy, Green Finance, Ausbildungen, Seminare, Sonderausgaben

UMWELTjournal 4/2021 | S22 Speicher für die Städte Die dänischen Erdbeckenspeicher sind einfach gebaut und liegen oberhalb des Grundwasserspiegels. Sie sind daher maximal fünf bis sechs Meter tief. Bei großem Volumen führt das zu erheblichem Platzbedarf. Der kompakte Gegenentwurf für die Großstadt ist ein Stahltank. Doch spätestens bei 200.000 m3 stößt dieser technisch an seine Grenzen. Die giga_TES-Partner haben daher an verschiedenen Stellschrauben gedreht, um die Erdbeckenspeicher für Österreichs Ballungsräume tauglich zu machen. Sie haben die Speichertiefe vergrößert, die Temperaturspreizung variiert und neue Materialien entwickelt. Herausgekommen sind verschiedenste Hybride aus klassischem Erdbeckenspeicher und Stahltank. Jeder davon hat seine speziellen Vorund Nachteile (siehe Tabelle). Mit den Konzepten aus giga_TES können die Speicher bis zu 50 Meter in die Tiefe reichen. Dabei müssen dann die Wände stabilisiert und der Speicher gegen das Grundwasser isoliert werden. Die Konstruktion der dafür nötigen Schlitzwände setzt derzeit die technische Grenze für die Speichertiefe. Die Projektpartner haben eine spezielle Wandkonstruktion aus sogenannten Dämmbohrpfählen entwickelt und patentieren lassen. Die Bohrpfähle werden im Inneren mit Schaumglasschotter gefüllt und überlappen sich jeweils ein Stück, sodass eine durchgängige Wand entsteht. Vorbild waren dabei klassische Bohrpfähle, eine etablierte Technik im Spezialtiefbau. Speicheroberflächen nutzen - See, Park oder Solaranlage? Eine besondere Herausforderung ist auch die Abdeckung des Speichers. Sie muss mindestens ihr eigenes Gewicht tragen und über Jahrzehnte hohen Temperaturen von unten und der Witterung und UV-Licht von oben Stand halten. Sie muss auch flexibel sein, denn die Erwärmung und Abkühlung sorgt dafür, dass der Wasserspiegel je nach Speichergeometrie um ein bis zwei Meter variiert. Zudem ist es in einer urbanen Umgebung kaum vorstellbar, die Oberfläche ungenutzt zu lassen. Die Projektpartner haben daher zwei verschiedene Deckel-Konstruktionen entwickelt und patentieren lassen. Das „Floating Cover 2.0“ schwimmt auf der Wasseroberfläche. Auf der Abdeckung könnten ein Park, Gewächshäuser oder Solaranlagen entstehen. Beim „Submerged Cover“ liegt die Abdeckung einige Meter tief unter der Wasseroberfläche. Der Raum über dem Speicher wird zu einem künstlichen See. Dieser hält UV-Licht, Hagel und Temperaturextreme von der Speicherdecke fern. Der See ist als Freizeitgewässer nutzbar – zum Rudern, für Schwimmstege oder auch schwimmende Solaranlagen. Auch für die innere Abdichtung des Speichers, den Liner, haben die Projektpartner neue Materialien entwickelt. Dabei ging es vor allem um die Haltbarkeit über mehrere Jahrzehnte bei hohen und wechselnden Temperaturen. Die Partner entwickelten dafür ein Polypropylen-Material mit

einem speziellen Stabilisator. In beschleunigten Alterungsversuchen kamen sie zu dem Schluss, dass der neue Liner etwa doppelt so lange hält wie das bisher verwendete Polyethylen-Material. In Zahlen sind das gut 30 Jahre im oben beschriebenen Hochtemperatur-Szenario. Bei Betriebstemperaturen zwischen 35 und 80 °C könnte das neue Linermaterial sogar deutlich über 50 Jahre halten. Grundlagenarbeit am Modell Angesichts der Größe, Bauzeit und Kosten der Wärmespeicher kann die Entwicklung unmöglich am Original stattfinden. Deshalb arbeiten die Projektpartner mit detaillierten numerischen Modellen, um zum Beispiel die ideale Bauform und Dämmstärke abzuleiten. Um das energetische Verhalten des Speichers zu modellieren und zu bewerten, wie zum Beispiel seine Leistung oder die Wärmeabgabe ans Grundwasser, nutzten sie das Simulationstool COMSOL Multiphysics. Zudem entwickelten die Projektpartner ein eigenes Kostentool zur Wirtschaftlichkeitsberechnung. Anhand einer Abschätzung der Investition sowie mit Parametern wie Effizienz und Zyklenzahl berechneten sie die spezifischen Speicherkosten (Levelised Cost of Storage, LCOS). Niedrige Temperaturen führen zu niedrigen Kosten Am LCOS zeigt sich, dass eine niedrige Systemtemperatur gleich mehrere Vorteile bietet. Eine geringere Speichertemperatur bedeutet weniger Wärmeverluste und eine geringere Erwärmung des Grundwassers. So kann die Isolierung dünner ausfallen. Wichtig sind auch die Kosten für Liner und Abdeckung. Bei niedrigen Temperaturen lässt sich die gewünschte Lebensdauer mit recht günstigen Materialien erreichen. Bei sehr hohen Temperaturen braucht man einen Stahlliner. Zwischen den Bauformen gleichen sich dagegen verschiedene Effekte teilweise aus: Bei flachen Speichern ist die großflächige Abdeckung der größte Kostenfaktor, bei den tiefen Bauformen sind es die Schlitzwände. In Zahlen heißt das für die simulierten Prototypen: Im Hochtemperatur-System kostet die Speicherung etwa 84 bis 92 Euro pro Megawattstunde. In der Niedrigtemperatur-Version sind es nur knapp 50 bis 55 Euro pro Megawattstunde. Bei zukünftigen Projekten auf dem Weg zu einem breiten Roll-Out gibt es bei den Materialien, der Konstruktion und der Implementierung noch erhebliches Potenzial für die Kostensenkung. Skalierbarer Pilotspeicher als nächster Schritt Das Projekt giga_TES hat viele grundlegende Erkenntnisse und drei patentierte Konstruktionslösungen gebracht. Im nächsten Schritt müssen sich die Entwicklungen an der Praxis messen: Wie leicht lassen sich die Dämmbohrpfähle installieren – und ist ihre Wirkung so, wie erhofft? Schwimmt die Abdeckung so stabil wie sie soll? Ein Speicher in voller Größe würde allerdings einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Deshalb soll es zunächst noch einen kleineren Pilotspeicher in der Größenordnung von etwa 10.000 Kubikmetern geben. Gespräche mit möglichen Partnern und die Standortsuche laufen gerade. Weitere Informationen Die Endergebnisse zum abgeschlossenen Projekt giga_TES werden am 30. November 2021 in einem Webinar vorgestellt. Hier der Link dazu: www.aee-intec-events.at/webinargigates.html Weiterführende Informationen finden Sie auf der Projektwebseite: www.gigates.at Der Autor Wim van Helden ist Bereichsleiter Technologieentwicklung bei AEE INTEC, erreichbar per Mail unter: w.vanhelden@aee.at . ÜBER AEE INTEC AEE - Institut für Nachhaltige Technologien (AEE INTEC) mit Sitz in Gleisdorf wurde 1988 als außeruniversitäre Forschungseinrichtung gegründet und ist Mitglied des Forschungsnetzwerks ACR - Austrian Cooperative Research. Als eines der führenden Institute im Bereich angewandter Forschung arbeitet AEE INTEC gemeinsam mit Industriepartnern an der stetigen Weiterentwicklung von Energieversorgungstechnologien sowie Systemen zur nachhaltigen und effizienten Nutzung von Energie in den Zielbereichen Städte und Netze, Industrielle Systeme und Gebäude. Weitere Forschungsschwerpunkte sind Technologieentwicklungen in den Bereichen Thermischer Energiespeicher, Erneuerbarer Energien sowie Wasser- und Prozesstechnologien. AEE INTEC beschäftigt derzeit rund 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. PROJEKTSTECKBRIEF Laufzeit: 01.01.2018 - 31.08.2021 Forschungspartner: • AEE – Institut für nachhaltige Technologien (Projektkoordinator) • Johannes Kepler Universität - Institute of Polymeric Materials and Testing • Universität Innsbruck – Institut für Konstruktion und Materialwissenschaften Forschungspartner: • SOLID Solar Energy Systems GmbH • Ingenieurbüro ste.p ZT-GmbH • AGRU Kunststofftechnik GmbH • Metawell GmbH • Bilfinger VAM Anlagentechnik GmbH • Geologie und Grundwasser GmbH • PORR Bau GmbH • Lenzing Plastics GmbH • Gabriel-Chemie Gesellschaft m.b.H. • Smart Minerals GmbH • Wien Energie GmbH • Salzburg AG für Energie, Verkehr und Telekommunikation • GVT Verfahrenstechnik GmbH Internationale Partner: • PlanEnergi • Solites – Steinbeis Innovation GmbH Auftrags- und Fördermittelgeber: Klima- und Energiefonds Förderprogramm: Energieforschung, 3. Ausschreibung 2016

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