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retail 2017-04

— storys Der

— storys Der Großhandel muss sich völlig neu erfinden Interview. Wir sehen einen Kampf der Wertschöpfungsstufen, sagt Berater Rudolf Trettenbrein. Der Großhandel muss seine verkrusteten Strukturen aufbrechen und ganz neue Wege gehen, wenn er überleben will. Rudolf Trettenbrein ist Österreich- Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Inverto. „retail“: Wie geht es dem Großhandel? Rudolf Trettenbrein: Er wird wohl nicht völlig aussterben, aber der Großhandel verliert ganz klar an Bedeutung. Für kleine Abnehmer ist er als Dienstleister vielleicht noch relevant. Aber die großen Konzerne versuchen, den Zwischenhandel auszuschalten und seine Aufgaben selbst zu übernehmen, um so ihre Wertschöpfung zu erhöhen. Unterstützt wird das durch die Tendenz zur Konsolidierung in sämtlichen Märkten, indem sich immer mehr große, internationale Ketten etablieren – egal ob im LEH, bei den Baumärkten oder im Textilbereich. Mehr noch, die Ketten versuchen auch, die Produzenten auszuschalten, indem sie selbst die Produkte herstellen – von der Kleidung bis zum Obst in eigenen Anbaugebieten. Wir sehen also einen Kampf der Wertschöpfungsstufen. Das sind europaweite Entwicklungen, die in Österreich aber besonders stark ausgeprägt sind. In Österreich ist der Großhandel – anders als etwa in Deutschland – fast nicht mehr existent. Wie könnte sich der Großhandel behaupten? Er muss sich Aufgaben suchen, wo er eine Berechtigung hat. Das geht nur über mehr Service, über Problemlösungskompetenz. Ein Beispiel: Die Industrie kämpft damit, dass ihre Innovationen vom Handel nicht immer eins zu eins übernommen werden. Da könnte der Großhandel dabei unterstützen, gute Ideen an den Mann zu bringen. Vielleicht indem er sie bei Konsumenten abtestet. Als Großhändler könnte man mehrere Innovationen in einem Pool zusammenfassen und so Risiko reduzieren. Aber auch Dienstleistungen in Richtung Lagerhaltung, Bestückung der Regale, Working Capital, Optimierung der Warenrotation sind denkbar. Da könnte der Großhandel einiges machen, er beschränkt sich aber eher aufs Liefern und auf Einsparungen. Diese können im Moment sinnvoll sein, aber langfristig muss überlegt werden, wie ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell aussehen soll. Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Auch hier tut sich viel zu wenig. Der Einzelhandel ist viel stärker daran interessiert, in diesen Bereich zu investieren. Der Großhandel ist zu starr in seinen alten, verkrusteten Strukturen verhaftet. Und sagen wir mal so: Der Markteintritt von Amazon Business wird die Lage nicht gerade leichter machen. Ist der Großhandel an seiner Misere letztlich selbst schuld? Ja, sehr viele Probleme sind hausgemacht. Wenn ich nicht mit der Zeit gehe, dann läuft halt vieles an mir vorbei. Der Großhandel ist in vielerlei Hinsicht richtig „old-fashioned“. Zum Beispiel gibt es viele Einzelkämpfer. Dabei könnten sich die Unternehmen zusammentun, um Synergien zu schaffen. In der Wirtschaftswelt von heute sind Partnerschaften wichtig. Kooperationen bringen oft Vorteile für alle Beteiligten. Der Handelsverband hat gemeinsam mit der Austrian Development Agency und ICEP den Import Information Hub Austria gegründet, um Bezugsquellen in Schwellen- und Entwicklungsländern aufzuzeigen. Lässt der Großhandel hier Chancen liegen? Ja, absolut. Die großen Player könnten sich in Sachen Beschaffung viel globaler umsehen. Im Textilbereich werden zum Beispiel neue Produzenten in Afrika nicht genutzt. Oder im Lebensmittelbereich: Immer mehr Konsumenten haben Interesse an exotischen Produkten. Im LEH finden sich aber nur die üblichen Verdächtigen, meist Nachahmerprodukte, aber keine Originalprodukte zum Beispiel aus Thailand oder anderen fernen Ländern. ▪ Gerhard Mészáros 14 — Dezember 2017

— storys „Liefern alleine reicht nicht“ Innovative Food-Startups benötigen spezielle Betreuung, wenn sie in Handel und Gastronomie reüssieren wollen. Urban Food and Beverage wittert hier eine Marktlücke. Julian Juen ist Geschäftsführer der Urban Food and Beverage GmbH. Alte, verkrustete Strukturen? Die Antithese dazu heißt Julian Juen. Der Serial Entrepreneur hat nicht nur mit Kaahée ein neues Lifestyle-Getränk am österreichischen Markt eingeführt, er genoss auch seine 15 Minuten Ruhm: Bei der Fernsehshow „2 Minuten 2 Millionen“ konnte er Investoren wie Hans Peter Haselsteiner davon überzeugen, in sein Getränke-Startup zu investieren. Nun ist er dabei, frischen Wind in den eher behäbigen österreichischen Großhandel zu bringen. „Aus der Erfahrung mit Kaahée ist eine neue Geschäftsidee entstanden“, sagt der gebürtige Oberösterreicher. „Denn ein wichtiges Learning war: In Regionen, wo wir Unterstützung durch einen professionellen Außendienst hatten, konnten wir unseren Markterfolg massiv steigern.“ Bloß: Für ein kleines Startup rechnet sich flächendeckender Profivertrieb nicht. Und der Großhandel? „Beim etablierten Großhandel ist man als kleines Startup bloß das fünfte Rad am Wagen“, so Juen. „Er beschränkt sich aufs Liefern, aber das reicht nicht.“ Denn bei neuen Produkten gehe es viel um Beziehungsarbeit, um Information. „Der Gastronomiebereich ist besonders betreuungsintensiv: Man muss für die Sichtbarkeit sorgen, auch die Kellner müssen sich mit dem Produkt auskennen.“ Die kleinteilige Struktur sei „die“ Vertriebsherausforderung in der Branche, das sei nur mit entsprechendem Personaleinsatz zu bewältigen. Gleichzeitig konstatiert Juen „eine unglaubliche Dynamik am Food- und Getränkemarkt“, zahlreiche junge, innovative Startups versuchen, mit frischen Ideen zu reüssieren. Juens neues Unternehmen Urban Food and Beverage möchte hier als Distributor die Lücke schließen und den Weg zum Konsumenten ebnen: „Wir kennen aus eigener Erfahrung die Bedürfnisse von Startups, die gerade an der Markteinführung arbeiten“, so Juen. Der Fokus auf junge, innovative Lebensmittel und Getränke spiegelt sich in der Liste an Produkten, die er derzeit vertreibt: darunter Omi’s Apfelstrudel, Organic Human oder MySmoothie. Der Groß- und Zwischenhandel muss sich als Problemlöser beweisen. Urban Food and Beverage (oben) und Metro (unten) zeigen mögliche Wege. Fotos: shutterstock/3DMI; Dmitry Kalinovsky Mehrwert bei Metro Metro arbeitet derzeit intensiv daran, verstärkt digitale Leistungen anzubieten. Neben dem Online-Bestellportal inklusive App steht etwa das Thema Traceability im Fokus: Die Rückverfolgbarkeit und transparente Kennzeichnung unterstützen derzeit die Vermarktung von Fischprodukten. Das System sorgt für eine lückenlose Herkunftssicherung der Ware und somit für Transparenz beim Endverbraucher: „Wir scannen die Ware und transportieren die Daten ins Kassensystem. Der Kunde kann dann mittels der App Pro-Trace die Rückverfolgung durchführen.“ Dezember 2017 — 15

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