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LOGISTIK express Fachzeitschrift | 2017 Journal 3

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LE-3-2017 | S46 | HANDEL + LOGISTIK 4.0 Digitale Binnenschifffahrt, Wasserstraße Beim elektronischen Handel wird durch Datenübertragung eine unmittelbare Geschäftsbeziehung zwischen Anbietern und Abnehmern abgewickelt. Kann das auch in der Wasserstraßenlogistik funktionieren? REDAKTION: PETER BAUMGARTNER Die Forschung arbeitet intensiv an der digitalen Kommandobrücke Foto: VTT/Rolls Royce PETER BAUMGARTNER Die Frage muss jedoch eher lauten, will die nasse Logistik im digitalen Strom mitschwimmen. Die Antwort hat der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt bereits allen Logistikern in das Stammbuch geschrieben: „Wer nicht komplett digitalisiert, der verliert.“ Die großen Internetkonzerne haben nicht nur die digitale Wirtschaft und das digitale Marketing fest im Griff, sondern auch uns Kunden. Und mittlerweile gibt es kaum noch einen Handelsbereich, der sich dem Trend entziehen kann. Ein abflachendes Wachstum im E-Commerce ist nicht erkennbar. Im Gegenteil, der Zenit scheint trotz Kritik an der übermächtigen GAFA-Ökonomie (Google, Amazon, Facebook und Apple) noch in weiter Ferne. E-Commerce ist weiterhin offen für innovative Geschäftsideen. Das ist die gute Nachricht. Eines sollte allerdings jedem E-Commerce Greenhorn klar sein. Wer sich auf eine Plattform begibt, muss sich dem freien Markt stellen und gibt die gewohnt langfristigen Planungen und Denkweisen auf. Außerdem müssen die Interessen von Plattformen nicht zwangsläufig deckungsgleich mit denen der Händler und Kunden sein. Zumindest die Bereitschaft zur äußersten Flexibilität und eine ordentliche Portion Disruptionswille muss vorhanden sein, um im digitalen Sandkasten mitspielen zu können. Digitalisierung um jeden Preis? Während Logistiker im Straßenverkehr dank verbesserter und schnellerer Informationen über Verkehrslage und Wetter heute schon permanent ihre Kapazitäts- und Routenplanungen optimieren, ihre Disposition online abwickeln, sowie den Zustand ihrer Fahrzeuge remote überwachen können, steckt die Digitalisierung im Bereich des Wasserstraßentransport quasi noch im pränatalen Stadium. Branchenvertreter der Binnenschifffahrt zeigen sich jedenfalls noch oft uninteressiert. Die auf europäischer Ebene agierende Binnenschifferorganisation ERSTU, hat offensichtlich überhaupt keine Meinung dazu. Eigentlich hat es die Anbieterseite im Wasserstraßentransport ja auch nicht notwendig, sich in eine neue Handelswelt zu begeben und die alten, gut funktionierenden Strukturen über Bord zu werfen. Gut funktionierend zumindest aus der Sicht der Genossenschaften und Befrachter. Denn Transparenz und ein offen zugänglicher Marktplatz würde auch den vielen kleinen Partikulieren dienen, die jetzt noch brav in Abhängigkeit verharren und in schwacher Verhandlungsposition, dem geschlossenen Markt ausgeliefert sind. Zudem würde ein offener Markt Unruhe in gewohnte Tarifgespräche bringen und plötzlich wäre die Finanzindustrie bei der Tarifgestaltung gänzlich abgemeldet. So gesehen ist es auch gut, dass nur mit mäßigem Eifer versucht wird, alte Strukturen zwangsweise zu digitalisieren. Der führende Mobilfunker Thorsten Dirks hat einmal gesagt, wenn man einen Scheißprozess hat und den digitalisiert, dann bekommt man einen scheißdigitalen Prozess. Es geht also nicht um Digitalisierung um jeden Preis, sondern um Öffnung, um Vereinfachung von Strukturen und Prozessen, die dann zum Nutzen aller digitalisiert werden können. Und es geht darum, aus einem Druidentrank ein Gebräu zu machen, dessen Ingredienzien jedermann zugänglich sind. Darin liegt wohl

auch der Hund begraben, wenn man sich fragt, warum die Digitalisierung in der Binnenschifffahrt so zögerlich funktioniert. Denn, wie vor 100 Jahren gilt auch heute noch, mit Binnenschifffahrt kann man nicht reich werden, an der Binnenschifffahrt schon. Erst wenn unbelastete, hungrige und junge Leute an das Ruder kommen, kann die Digitalisierung auch in der Binnenschifffahrt zu neuen Erfolgen führen. E-Commerce Boom fast verpasst Im Gegensatz zur Befürchtung von Joachim Zimmermann (Vizepräsident Bundesverband öffentlicher Binnenhäfen), dass die Binnenschifffahrt auf „Selbstheilungskräfte“ vertraut und den E-Commerce Boom verpasst, muss man jedoch auch sehen, dass es schon einige wenige Beispiele gibt, die einen neuen Kurs in der Binnenschifffahrt vorgeben. Imperial Logistics zum Beispiel, hat mit der IFMS (Imperial Freight Management System) gerade eine digitale Lösung für die Binnenschifffahrt entwickelt und disponiert nach eigenen Angaben bereits täglich 600 Binnenschiffe damit. Eine andere Plattform – Cargoplatform.com (Bargelink & Railcargo.com) – ist schon länger am Markt und betreut deutlich mehr Binnenschiffe, die von der Plattform profitieren können. Beides Lösungen, deren ICT Sektor innerhalb definierter Grenzen abläuft. Noch nicht die perfekten Lösungen, aber immerhin. Auch die EU müht sich redlich. Zählt die Digitalisierung doch zu den Lieblingsthemen von Präsident Jean-Claude Juncker. 2015 wurde eine Expertengruppe eingesetzt. „Forum für die Digitalisierung in Verkehr und Logistik“ (Digital Transport and Logistics Forum/ DTLF) heißt das Ding. Die Kommission hält es für notwendig, alle Beteiligten aus verschiedenen Verkehrs- und Logistikkreisen an einen Tisch zu bringen, eine gemeinsame Zukunftsvorstellung zu formulieren, ihre Verwirklichung zu koordinieren und Vorbereitungen für die Normung und mögliche Gesetzgebungsmaßnahmen zu treffen. Viel Zeit bleibt den Experten jedoch nicht mehr. 2018 läuft das Programm bereits wieder aus. Eine Programmverlängerung wird wohl das erste greifbare Ergebnis sein. Ein weiterer positiver Ansatz, die „Digital Inland Waterways Agenda“. Sie soll die bereits bestehende Digitalisierung durch River Information Services (RIS) weiter verbessern. Derzeit ist ein neuer Ansatz vorgesehen, um Informationen bezüglich Infrastruktur, Personen, Schiffe, Management, Operationen und Fracht miteinander zu verbinden. Damit will man zum Beispiel erreichen, dass die Einbindung der Binnenschifffahrt in multimodale Logistikabläufe besser funktioniert. Dazu würde zwar aktive Verkehrspolitik auch schon ausreichen, aber besser man digitalisiert, statt gar nichts zu tun. Die größten Hoffnungen setzen allerdings die E-Commerce Vorreiter in die aktuelle EU-Ratspräsidentschaft von Estland. Ein Schwerpunkt des Vorsitzlandes ist nämlich, Europa auf den grenzüberschreitenden E-Commerce und E-Services Kurs zu bringen. Das Land ist wild entschlossen, binnen sechs Monaten in einer analogen Welt ein „e-Europe“ zu schaffen. Neue Buchungsplattform in Holland In den Niederlanden hat ein Startup erstmals eine echte Alternative zu den üblichen Befrachtern und Genossenschaften entwickelt. Auf eine Buchungsplattform (4shipping) können sich jetzt Verlader und Binnenschifffahrtsunternehmen direkt treffen. Die Betreiber der neuen Plattform versprechen eine wesentliche Verbesserung beim Zeitmanagement und insgesamt eine Steigerung der Effizienz bei Binnenschiffstransporten. Der Mehrwert für Verlader besteht außerdem darin, dass sie auch während des Transportes jederzeit über den aktuellen Stand der Transportsituation informiert werden und per Chat mit dem Kapitän an Bord im Kontakt bleiben können. Das gibt es noch nicht mal in der Handelslogistik. In diese Richtung muss es auch weiter gehen. Die Erfahrung mit E-Commerce im Handel hat gezeigt, dass es jetzt darauf ankommt, wer letztlich das bessere Service hat. Ein weiteres, aktuelles Beispiel: Einige Bundesländer in Deutschland haben erkannt, dass die Binnenschifffahrt auf der Elbe digitalisiert werden muss, um zukunftsfähig zu bleiben. Mit einer umfassenden Bestandsaufnahme durch die Studie „Digitalisierung des Elbkorridors – Elbe 4.0“, ist ein erster Schritt gemacht, damit der Wasserstraßentransport auf der Elbe nachhaltig gesteigert werden kann. Konkrete Maßnahmen, die geeignet sind, um dieses Ziel zu erreichen, wurden auch schon genannt. Wer nicht komplett digitalisiert, verliert Wer sagt übrigens, dass die Binnenschifffahrt als Verkehrsträger, nicht wie LKW, Bahn oder Flugzeug auch vom Boom des E-Commerce profitieren kann? Aircargo-Analysten singen jedenfalls schon Loblieder auf den grenzüberschreitenden elektronischen Handel und der Airline-Dachverband IATA führt die letzte Steigerung von 12,7 Prozent bei Air Cargo genau auf den Boom bei E-Commerce zurück. Es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass die Binnenschifffahrt auch ein Stück vom E-Commerce Kuchen ergattern kann. Allerdings wird es auf europäischer Ebene nicht reichen, nur digital denken und handeln zu wollen. Gerade in der Logistik wird die Interoperabilität im Gleichschritt verbessert werden müssen. Sonst wird die schöne digitale Zukunft auf einem Bein humpeln. Es gibt allerdings noch eine mächtige Sandbank in der Wasserstraßenlogistik, an der alle schönen E-Commerce Projekte und Ideen auf Grund laufen könnten. Die Sandbank heißt EU-Harmonisierung der Ausbildungsqualifikationen in der Binnenschifffahrt. Dort wird aktuell ein „Mindestmaß“ an Qualifikation für alle Binnenschiffer in Europa angestrebt. Vater der Gedanken ist die allgemeine Personalnot und der Wunsch nach Billigarbeitskräften. Ob man so der Branche im digitalen Revolutionszeitalter dienen kann, wird sich zeigen. (PB)

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