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LOGISTIK express Fachzeitschrift

LEITARTIKEL Es ist was faul im Staate Österreich* Man kann es förmlich riechen! Bildungssystem, Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Flüchtlingspolitik – wohin man schaut, es stinkt. Würden Unfähigkeit oder Dummheit prompte körperliche Schmerzen auslösen, wären sämtliche Schmerzmittel ausverkauft. Aber nicht nur in Österreich, auch in Brüssel & Co. AUTORIN: ANGELIKA GABOR ANGELIKA GABOR Werfen wir einen Blick auf die Bildungspolitik. Die Ergebnisse des PISA-Tests von 2015 liegen noch nicht vor, aber bei den letzten vorhandenen Daten vom Test 2012 zeigte sich, dass die Schüler deutliche Defizite aufweisen. Insbesondere bei der Lesekompetenz kann man vielen ein X für ein O vormachen. Jene Schüler, die in den getesteten Fächern Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften schlecht abschneiden, verlassen überdurchschnittlich oft vorzeitig die Schule und pfeifen auf eine weiterführende Ausbildung. Wie man in der OECD-Publikation „Low-Performing Students: Why They Fall Behind and How To Help Them Succeed. How School Characteristics are Related to Low Performance“ nachlesen kann, hat dies weitreichende Folgen für die Wirtschaft. Dort steht auch, dass die Kosten für die Unterstützung dieser schlechten Schüler, damit sie eine weiterführende Ausbildung absolvieren, weit unter jenem Betrag liegen, der in weiterer Folge dem BIP entgeht, wenn sie aussteigen. Wie sagte John F. Kennedy so schön? „Es gibt nur eines, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.“ Er wusste, wovon er spricht. Unterhält man sich mit Unternehmern, die in ihren Betrieben Lehrlinge ausbilden, lässt es einen erschauern. Denn weit mehr als die Hälfte der Bewerber scheitert schon am Verstehen der Fragestellungen – vom Wissen der Antwort brauchen wir gar nicht zu reden. Da liest es sich fast wie Hohn, dass die EU-Bildungsminister sich gemeinsam zum Ziel gesetzt haben, den Anteil der leseschwachen 15-Jährigen bis 2020 von 20 auf 15 Prozent zu reduzieren. Denn abgesehen davon, dass Österreichs Schüler davon noch weit entfernt sind (2009 betrug der Anteil der Leseschwachen 27,5 Prozent!!) – auch 15 Prozent würde bedeuten, dass Tausende Jugendliche die Schule verlassen, ohne einen zusammenhängenden Satz lesen zu können. Was haben die dann in den neun Jahren Schulpflicht gemacht, Däumchen gedreht? Vor kurzem sorgte eine Idee der Bildungsministerin, in den Volksschulen flächendeckend die Ziffernnoten in den ersten drei Schulstufen (und damit auch das Sitzenbleiben) abzuschaffen, für einen riesigen Aufschrei. Jedes System hat Vor- wie auch Nachteile. In skandinavischen Ländern, die generell bei Bildungstests besser abschneiden als Österreich, gibt es schon länger alternative Bewertungssysteme. Allerdings ist dort das gesamte Schulsystem anders aufgebaut. Solange der Notendurchschnitt über die weitere schulische Laufbahn – Gymnasium oder nicht – entscheidet, ist die Abschaffung von Noten in meinen Augen nicht sinnvoll. Denn wenn erst in der 4. Klasse plötzlich Noten kommen, kann aus einem „sehr bemüht“ – prinzipiell durchaus eine positive Bewertung – plötzlich ein „Genügend“ werden. Weil der Schüler vielleicht zwar sehr bemüht ist, aber trotzdem immer das falsche Ergebnis liefert. Klare Ziffernnoten hingegen sind vergleichbar, auch wenn sie nur eine Momentaufnahme darstellen mögen. Wer damit argumentiert, dass das nur unnötigen Leistungsdruck erzeuge, dem sage ich: willkommen in der Realität. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und auch wenn es wenig romantisch ist: wer besser ist und mehr leistet, hat auch im späteren Leben die besseren Chancen im Beruf. Auch wenn viele es vielleicht nicht direkt zugeben, aber Pflichtschulabsolventen oder Schulabbrecher sind in der Wirtschaft nicht gerade beliebt. Sagt ja niemand, dass deswegen auf eine verbale Beurteilung im Rahmen eines Elterngespräches verzichtet werden muss. Übrigens ist die Lösung wieder eine typisch österreichische: das Ministerium spielt den Ball weiter, ab jetzt dürfen die Schulstandorte selbst entscheiden, ob sie die Noten Eins bis Fünf behalten wollen oder doch lieber auf alternative Leistungsbeurteilungen umsteigen. Vermutlich ist es aber ohnehin besser, wenn 4 LOGISTIK EXPRESS 2/2016

Nach einer kurzen politischen Schockstarre dann die Panikreaktion: der Deal mit der Türkei. Ein Land, das Meinungsfreiheit und Pressefreiheit mit Füßen tritt, in dem Demokratie nicht mehr wert ist als der Zettel, auf dem sie steht. Abgesehen von Figur und Frisur scheint Recep Tayyip Erdoğan wohl Kim Jong-un als Vorbild zu haben, das Vorgehen gegen Kritiker stimmt schon einmal überein, und einen Palast hat er auch bereits bauen lassen (ob nun unser Herausgeber auch zum Rapport muss?). Abgesehen von den Beitrittsverhandlungen zur EU – die in meinen Augen ein Fehler sind – gibt es nun Visafreiheit und einen schönen Batzen Geld. das Bildungsministerium sich nicht mehr damit beschäftigt – es hat genug andere Baustellen. Die Integration von Flüchtlingskindern beispielsweise. Die Prognose für 2016 lautet: 64 Millionen Euro zusätzlich für Pflichtschullehrer. Kein Kind wird freiwillig zum Flüchtling. Und mit ziemlicher Sicherheit hat kein Kind, das gerade ein Trauma durchlebt (hat), viel Spaß daran, in einer Klasse mit Fremden zu sitzen und kein Wort zu verstehen. Glücklicherweise gibt es schon einige – zu Beginn rigoros abgelehnte – „Flüchtlingsklassen“, in denen neben dem Deutschunterricht und den Inhalten von Pflichtgegenständen wie Mathematik auch Wertevermittlung und Alphabetisierung auf dem Programm stehen. Wer die Sprache dann beherrscht, kann immer noch in eine Regelklasse integriert werden. So viel man von anderen Kulturen auch lernen kann, ein Kind, das kein Wort versteht, wird NIE eine Bereicherung für eine Klasse sein können – sondern nur ein Hemmschuh. Gefährlicher Deal Im Dezember ist es geschehen: Kanzler Faymann hat eine eigene Meinung entwickelt und sich „entmerkelt“. Als Folge dessen hat Österreich das umstrittene „Grenzmanagement“ begonnen, um den Flüchtlingsstrom zu regulieren – und hat sich seitens der EU dafür ziemlich viel Kritik gefallen lassen müssen. Fakt ist: Europa ist gerade dabei, zu zerbrechen. Nicht nur die Krise in Griechenland und der mögliche Ausstieg Großbritanniens – was wohl schwieriger zu verkraften sein wird, Grexit oder Brexit? – die Meinungen darüber, wie mit den Millionen Menschen, die ihr Heil in der Flucht nach Europa suchen, umgegangen werden muss, spaltet die Union genauso wie die einzelnen Länder. Die Politik der offenen Grenzen, das (deutsche) Willkommen für jedermann, hat Massen in Bewegung gesetzt, deren Eintreffen Hilfsorganisationen, Regierungen und Freiwillige weit über die Grenzen der Belastbarkeit führte. Das Schlimmste daran ist aber, dass die EU durch diesen Kniefall und die Unfähigkeit, das Problem selbst in den Griff zu bekommen, erpressbar geworden ist. Das lange Zögern und Zaudern, die Angst vor unpopulären Schritten, haben Europa ausgeliefert. Warum war es nicht möglich, dass EU-Länder den „Job“, den die Türkei nun übernehmen soll, selbst erledigt haben? Dass es geht, hat Österreich gezeigt. Die Folge: aufgrund des wesentlich geringeren Flüchtlingsstromes gen Norden hat Deutschland angekündigt, die Grenzkontrollen ab 12. Mai wieder aufzuheben, sofern sich die Situation nicht wieder verschlimmere. Für die Wirtschaft wäre das eine immense Erleichterung, die Grenzwartezeiten stellen nach wie vor eine große Belastung für die Frächter und die anderen beteiligten Unternehmen dar. Ein Nachsatz noch zu Flüchtlingen und Türkei: wie lange es wohl dauern wird, bis die unterdrückte kurdische Minderheit die Chance ergreift und ihr Heil ebenfalls in den EU-Ländern sucht? Für die ist die Türkei nämlich mit Sicherheit kein sicheres Drittland... Na dann: gute Nacht, Europa. (AG) * Frei nach William Shakespeares: "Etwas ist faul im Staate Dänemark" Vierte Szene des ersten Aktes von Shakespeares Trauerspiel »Hamlet« 5

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