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LE-2-2009

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LOGISTIK express Fachzeitschrift

IM Fokus Rumänien liegt

IM Fokus Rumänien liegt mit einer Fläche von 238.391 km² an der Grenze zu Bulgarien, Serbien, Ungarn, der Ukraine und Moldawien. Von den etwa 21,5 Millionen Einwohnern leben knapp zwei Millionen in der Hauptstadt Bukarest. Seit 1. Jänner 2007 ist das Land Mitglied der Europäischen Union, zudem ist Rumänien noch Mitglied der Vereinten Nationen und der NATO. Neben den Rumänen, die knapp 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, gibt es stark schwankende regionale Unterschiede, wie etwa die ungarische Minderheit in Siebenbürgen oder die Roma, die auf das ganze Land verteilt sind. Der ehemals nennenswerte Anteil der Deutschen ist auf 0,3 Prozent gesunken. Wenn, dann richtig Es gibt mehrere Möglichkeiten, als Unternehmer in Rumänien aktiv zu werden. „Man sollte keinesfalls alleine starten, weder als Dienstleister noch als Produzent, sondern stets in Kooperation mit einem lokalen Partner oder mit eigenem Stammpersonal“, ist Josef Toth, Leiter Projektmanagement Road + Rail Eastern Europe bei Logwin und selbst gebürtiger Rumäne, überzeugt. Zwar ist er in Deutschland aufgewachsen, dennoch kennt er die Bedingungen und Eigenheiten ganz genau. „Obwohl der Staat sehr bemüht ist, die Bürokratie abzubauen, sind die gesetzlichen Gegebenheiten noch ziemlich undurchsichtig. Besonders im Hinblick auf Steuern und Förderungen ist Insiderwissen gefragt“, macht Toth klar. Zudem seien besonders im Kontakt mit Behörden perfekte rumänische Sprachkenntnisse nahezu unabdingbar, um möglichst rasch an sein Ziel zu kommen. „Wenn man hier sprachliche Schwächen zeigt, wird man nicht ernst genommen. Und damit ist man als Repräsentant – der Geschäftsführer muss alles selbst unterschreiben – denkbar ungeeignet“, verdeutlicht Toth die Problematik. Darum sei es in jeder Hinsicht ratsam, sich einen Partner oder entsprechend eigene Mitarbeiter vor Ort zu suchen. Rumänien - verkannt und unterschätzt? Wer bei Rumänien ausschließlich an Graf Dracula denkt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Und wer jetzt erst auf die Idee kommt, dort zu investieren, hat die beste Zeit eigentlich schon fast verschlafen. Denn das Land hat weit mehr zu bieten als nur ein relativ niedriges Lohnniveau. Problempunkt Personal Nach wie vor zählt Rumänien zu den Niedriglohnländern, mit ein Grund für viele Unternehmensansiedelungen. Doch eine überproportional gestiegene Nachfrage nach Fachpersonal, insbesondere im mittleren Managementbereich, führte zu einem Mangel an Arbeitskräften. „Qualifizierte Mitarbeiter sind teilweise sehr schwer zu finden, und jene, die man findet, sind dann für rumänische Verhältnisse teuer. Ungebildete Arbeitskräfte hingegen sind sehr leicht zu finden, vor allem außerhalb der Ballungszentren. Kurzzeitig betrug die Arbeitslosenrate in manchen Städten tatsächlich Null Prozent, allerdings hat sich die Situation durch die Krise wieder ein wenig verändert“, schildert Toth. In diesem Punkt sei auch der Unterschied zwischen Stadt und Land deutlich spürbar, in kleinen Dörfern beträgt die Arbeitslosenquote etwa 20 Prozent. „Wer aufgrund der niedrigen Lohnstruktur eine Fabrik bauen möchte, sollte auf dem Land bauen, denn in den Industriezentren, wie etwa Sibiu, werben sich die Unternehmen bereits gegenseitig die Mitarbeiter ab“, bekräftigt Toth. In Rumänien gibt es übrigens eine Flat-Tax von 16 Prozent. Andere Länder, andere Sitten? Wirklich gravierende Unterschiede zwischen Rumänen und anderen Europäern wie beispielsweise Österreichern gibt es nicht, obwohl die Menschen kulturell den Spaniern und Italienern näher stehen. Das ist wohl auch der Grund, warum sich die meisten im Ausland tätigen Rumänen in eben diesen Regionen wiederfinden. „Etwa zehn Prozent der rumänischen Bevölkerung ist im Ausland tätig“, nennt Toth beeindruckende Fakten. Das rumänische Volk gilt als besonders gastfreundlich und warmherzig, was Toth nur bestätigen kann: „Jeder Ausländer wird – besonders auf dem Land – sehr freundlich aufgenommen, und dann wird gefeiert, selbst wenn die Menschen arm sind.“ Auch Trinkgelage seien durchaus typisch, auch wenn diese in letzter Zeit eher zurückgegangen seien - nur in der älteren Generation gehöre es noch zum absolut guten Ton. 16 LOGISTIK express 2|2009 www.logistik-express.at

IM FOKUS Problem Infrastruktur „Leider hat die Politik in Sachen Infrastruktur viel Zeit verschlafen. Zwar ist die Regierung jetzt sehr bemüht, aber der Aufbau dauert natürlich“, seufzt Toth. Rumänien wird von den paneuropäischen Verkehrskorridoren Nr. 4 und Nr. 9 durchquert sowie von Nr. 7 begrenzt. Derzeit gibt es lediglich zwei Autobahnen, der restliche Verkehr wird über Bundesstraßen abgewickelt. „In den letzten Jahren hat sich der Verkehr vervielfacht, der Autobahnbau geht aber nur sehr schleppend voran. Dadurch ist leider auch die Unfallrate stark angestiegen“, bedauert Toth. Die Umsetzung der geplanten Routen Pitesti–Sibiu– Deva–Timisoara–Arad (nach Ungarn) sowie Bukarest–Comarnic–Predeal–Brasov und dann weiter bis Oradea hält er für besonders dringlich. Die Rumänische Staatsbahn (CFR) verfügt über eines der längsten Eisenbahnnetze Europas, das in den letzten Jahren auch verbessert wurde, allerdings hat die Sache einen Haken: „Leider ist die Organisation eines Schienengüterverkehrstransportes sehr aufwändig und langwierig, da die CFR ein alter Staatsbetrieb ist und damit nicht unter Wettbewerbsdruck steht. Die Transportdauer von der ungarischen Grenze bis nach Bukarest wird mit zwei bis fünf Tagen angegeben, diese Zeittoleranz ist für uns unakzeptabel.“ So habe die Logwin zwar eine eigene Schienenanbindung, die aus Gründen der Volatilität jedoch nur für zeitunkritische Transporte genützt wird. Am Schwarzen Meer befindet sich das „Rotterdam des Ostens“, der Hafen Constanza. Er stellt eine wichtige Verbindung zwischen Europa und Asien dar. Über den neuen Großhafen Agigea am Ausgang des Donau- Schwarzmeer-Kanales besteht auch eine direkte Verbindung zur Donau und den mitteleuropäischen Hafenstädten. „Constanza entwickelt sich sehr stark“, ist Toth überzeugt, „die Abwicklung in Zusammenarbeit mit einem rumänischen Unternehmen funktioniert reibungslos.“ Neben zwei Flughäfen in Bukarest gibt es noch je einen in Arad, Baia Mare, Craiova, Sibiu, Târgu Mures, Constanza, Cluj- Napoca, Timisoara, Oradea, Bacau, Suceava und Iasi. Während Telefon- und Internetanschlüsse kein Problem darstellen, gibt es noch einige Schwächen in der Stromversorgung: „Besonders im ländlichen Bereich kommt es oft zu Ausfällen, die meist allerdings nur ein paar Sekunden andauern“, meint Toth. Unglücklicherweise wird die meiste Energie auch heute noch aus Kohlekraftwerken gewonnen, aufgrund des Druckes der EU soll Interview mit josef toth Projektmanager Logwin Road + Rail Eastern Europe GmbH sich das aber ändern. Auch das weit verbreitete Vorurteil von den „alten Stinkern“ auf Rumäniens Straßen trifft laut Toth nicht ganz zu: „Im Bereich der LKW ist sehr viel fahrendes Material ausgewechselt worden, nur wenige Fahrzeuge – ausgenommen Baufahrzeuge – sind älter als 10 Jahre. Besonders im internationalen Verkehr arbeiten die Speditionen zu 99 Prozent nach sehr hohem Standard.“ Grund sei eine Phase, in der günstige Leasingkonditionen einen wahren „Run“ auf deutsche Hersteller auslösten und zu Tausenden neue LKW importiert wurden. Im starken Kontrast zu dem relativ modernen Fuhrpark der Firmen stehen die Privat-PKW: „Die Überprüfung der Fahrzeuge ist mit der unsrigen nicht zu vergleichen. Es fahren noch sehr viele alte Ladas und Dacias herum, die die Luft extrem verpesten“, bedauert Toth. Zudem sei seit den letzten Wahlen eine Regelung in Kraft, die den früher boomenden Import von Gebrauchtwagen aufgrund einer stark erhöhten Registrierungsgebühr unterbindet – und dank der restriktiven Kreditvergabepolitik der Banken könnten sich nur die wenigsten neue Autos leisten. Logwin in Rumänien Schon vor vielen Jahren hat Logwin (damals noch Quehenberger), ein Unternehmen aus der Automobilproduktion als Logistikserviceprovider nach Rumänien begleitet. Inzwischen arbeitet Logwin dort nicht mehr nur für Industrieunternehmen, sondern vollzieht auch die Distribution von Konsumgütern. Somit unterstützt Logwin seine Kunden bei ihrer Expansion mit einer sehr kostengünstigen, skalierbaren Logistik, wodurch sie sich auf ihren Markteintritt konzentrieren können. Logwin ist mittlerweile in Rumänien mit sechs Niederlassungen (davon vier Lagerstandorte) in Bukarest, Arad, Cluj-Napoca, Pitesti, Sibiu und Timisoara vertreten. Von diesen Standorten werden kundenindividuelle Logistik, innerrumänische Lieferungen, wie auch internationale Transporte von und nach ganz Europa abgewickelt. Fazit Wenn man sich all die Punkte vor Augen hält, wirkt das Land auf den ersten Blick eher problematisch und rückständig, warum also dort investieren? „Das Lohnniveau alleine ist kein Grund, nach Rumänien zu gehen. Aber es lohnt sich aufgrund des Marktes an sich! Trotz aller Widrigkeiten ist die Kaufkraft sehr gut, und der Absatzmarkt entwickelt sich rasant. Rumänien zählt sicher zu den größten Hoffnungsmärkten. Außerdem sind die Menschen einfach unvergleichlich“, bricht Toth eine Lanze für sein Ursprungsland. Rumänien ist und bleibt ein sehr attraktives Land sowohl wegen der Menschen selbst, als auch wegen der wirtschaftlichen Möglichkeiten, die das Land bietet. Anmerkung Hört man sich in erfahrenen Kreisen um, sollte man als „Neuer“ bei der Partnersuche durchaus Vorsicht walten lassen. Denn leider bestätigt sich gelegentlich das Vorurteil, dass die Hemmschwelle in Richtung Betrügereien in Rumänien niedriger liegt als in vielen westeuropäischen Ländern. Neben guter Intuition und vielleicht auch etwas Glück spielt daher die Sorgfalt bei der Auswahl der zukünftigen Partnerunternehmen eine wichtige Rolle. Und auch danach ist die strikte Kontrolle der Geschäftsaktivitäten angeraten, um eventuellen Unregelmäßigkeiten vorzubeugen. Wer keine Agentur oder Beratergesellschaft engagieren möchte, sollte persönlich in das Land reisen und die Suche bzw. auch die Anfangsverhandlungen vor Ort führen, um die Leute kennenzulernen und ihnen somit auch Respekt zu zollen. Aussagen von Landeskennern zufolge sollte man im Umgang mit rumänischen Partnern keinesfalls den Fehler machen, diese zu unterschätzen oder gar von oben herab zu behandeln, da sonst das Gesprächsklima erheblich leiden würde. Konkrete Hilfestellung bei Problemen statt eventueller Belehrungen wird hingegen gerne aufgenommen. Leider ist es noch oft der Fall, dass viele Medien ein falsches Bild von Rumän(i)en vermitteln. Das könnte unter anderem daran liegen, dass in den Kriminalitätsstatistiken insbesondere bei Aufgriffen wegen Bettelei oft die rumänische Nationalität aufscheint. Allerdings müsste hier eindeutig zwischen Rumänen und Roma, welche zwar aus Rumänien stammen, mit der typischen Bevölkerung aber kaum etwas gemein haben, unterschieden werden. Würde man hier differenzieren, gäbe es in Österreich wohl kaum mehr Delikte durch Rumänen als durch Angehörige anderer Staaten. www.logistik-express.at LOGISTIK express 2|2009 17

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