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LE-1-2009

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LOGISTIK express Fachzeitschrift

IM GESPRÄCH Sie gelten

IM GESPRÄCH Sie gelten als Wegbereiter der Logistik. Wie kam es dazu? Seit 1961 Dozent an der Deutschen Außenhandels- und Verkehrsakademie (DAV) in Bremen übernahm ich 1966 die Studienleitung des viersemestrigen Vollzeit-Weiterbildungsstudiums für gelernte und berufserfahrene Kaufleute in den Fachrichtungen Internationale Wirtschaft und Verkehr. Mir wurde sehr schnell deutlich, dass mit diesem Angebot der wachsende Bedarf an Fort- und Weiterbildung in diesen Fachbereichen nicht ausreicht. So wurden Seminare und Lehrgänge für Spedition, Zollwesen und Exportwirtschaft entwickelt. Im Jahr 1970 hatte ich die Gelegenheit, Business Schools in den USA zu besuchen und in einer Summer-School in Stanford gab es ein Tagesseminar zum frisch entwickelten Thema „business logistics“ – und da war es um mich geschehen! Das war die Initialzündung, und statt geplanter Versandleiterseminare für den BDI haben wir Logistikmanagementseminare abgehalten. Sie haben Volks- und Verkehrswissenschaft studiert, was hat Sie an der Materie so interessiert? Das Studium der Volkswirtschaftslehre in Köln interessierte mich sehr, und ein Wahlfach war Pflicht – da habe ich das Fach Verkehrswissenschaft gewählt. Das Verkehrswissenschaftliche Institut war damals führend in Deutschland, daher habe ich dort auch als Assistent gearbeitet und letztendlich promoviert. Irgendwann ist dann eine Lebensaufgabe daraus geworden. Und hat Sie bis heute nicht losgelassen? Die Logistik ist ungemein spannend, sie entwickelt sich immer weiter. Es gibt drei Stufen der Entwicklungen der Logistik. Zunächst geht es um die Koordinierung aller Logistikfunktionen im eigenen Unternehmen: Beschaffung, Produktion, Distribution. Dann um die unternehmensübergreifende Integration mit Lieferanten, Dienstleistern und Kunden. Heute fordert die rasante Entwicklung der Globalisierung neue Dimensionen der Logistik. Logistikforschung in IT und Technologieeinsatz haben große Bedeutung. Wir sprechen schon von der „Logistikindustrie“. In Deutschland steht die Logistikwirtschaft an dritter Stelle der Wertschöpfung. Wir haben eine Studie bei Mercedes durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass es 17 Stufen von Zulieferern gab – nach der Reorganisation „Die Logistik entwickelt sich immer weiter, wir stehen erst am Anfang.“ Hanspeter Stabenau Die Logistik verliert nie an Spannung Dr. Hanspeter Stabenau - von Fachkollegen aufgrund seiner Vorliebe für Fliegen liebevoll „Propeller-Peter“ genannt - gilt als einer der Vorreiter der modernen Logistik in Europa und heute noch als Experte auf diesem Gebiet. Zwei mehr als gute Gründe für ein Gespräch! sind es zwar immer noch acht Stufen, aber diese lassen sich wesentlich besser koordinieren. Das Problem dieser Integration ist allerdings oftmals das Misstrauen, denn jeder Beteiligte müsste seine Daten und Prozesse ehrlich offenlegen und befürchtet natürlich Nachteile, besonders im Bezug auf Preis- und Kostenfragen. Welche Rolle spielte Mut in Ihrer Karriere? In meinem Fall war die Überzeugungskraft entscheidend. Ich hatte glücklicherweise immer die Gabe, die Verantwortlichen von meinen Ideen überzeugen zu können! Mut war nicht so wichtig, denn ich habe früh erkannt, dass die Integration aller Beteiligten in die 8 LOGISTIK express 1|2009 www.logistik-express.at

IM GESPRÄCH logistische Prozesskette zu Produktivitätsgewinn und damit Kostensenkungen führt. Das unternehmensübergreifende Prozessmanagement ist für die Zukunft der Wirtschaft in den Industrieländern im Wettbewerb entscheidend. „Ich habe es geschafft, mit Ideen und erarbeiteten Dingen eine positive Resonanz zu finden.“ HANSPETER STABENAU Wie können deutsche oder österreichische Logistikunternehmen im globalen Wettbewerb bestehen? Man muss hier klar zwischen Kontraktlogistik und reiner Transportlogistik unterscheiden. Bei der Kontraktlogistik haben mitteleuropäische Unternehmen in den letzten 20 Jahren durch viele tiefgehende Kundenkontakte, bei denen ganzheitliche Lösungen in Beschaffung und Vertrieb umgesetzt wurden, einen enormen Wettbewerbsvorteil entwickeln können. Viele haben sich auf einzelne Branchen wie etwa die Automotive-Industrie spezialisiert, wo sie neben den üblichen KULT-Leistungen (Kommissionierung, Umschlag, Lagerung, Transport, Anm.) über 200 unterschiedliche Serviceleistungen anbieten, sei es Etikettierung, Vormontage oder auch endkundenspezifisches Finishing. Da der Outsourcingprozess von Logistikdienstleistungen in Handel und Industrie aufgrund von Kostenvorteilen – Dienstleister können beispielsweise Bündelungseffekte und ihre Erfahrung nutzen – eher zunimmt, sehe ich die Lage der Kontraktlogistiker durchaus positiv. Im Straßen- und Güterverkehr herrscht aktuell eine etwas diffuse Lage. Einerseits steht die Freigabe der Zulassung von MOEL- Transportunternehmen für den europäischen Markt bevor, andererseits sind die Kostenunterschiede meiner Meinung nach bei Weitem nicht so gravierend wie befürchtet. Denn die großen Transportunternehmen dieser Länder haben inzwischen top-moderne Flotten, die unseren teilweise sogar überlegen sind. Was müsste man am Verkehrssystem und der Infrastruktur ändern? Mich ärgert sehr, dass ständig von Verbesserungen der Bi- oder Multimodalität im Landverkehr gesprochen wird, aber nichts passiert. Leider sind das zumeist nur fromme Sprüche der Politiker, denn hier fehlt eindeutig die Finanzierung. Ich sehe noch vielfältige Möglichkeiten, die systematische Multimodalität der Verkehrssysteme herzustellen, es gibt noch große Chancen für Landverkehre, insbesondere in der europäischen Dimension. Doch von gegenseitiger Ergänzung zwischen Schiene und Straße ist noch nichts zu spüren – im Gegenteil: Derzeit herrscht ein harter Wettbewerb zwischen Schiene und Straße, dabei ist die Schiene doch auf die Straße angewiesen, denn nur in den seltensten Fällen sind Haus-zu-Haus-Transporte möglich. Hier mangelt es eindeutig an Anstoßeffekten aus der Politik, aber leider wird hier viel lieber philosophiert statt agiert. Was würden Sie in der aktuellen Situation den Menschen raten? Sehr viele Unternehmer reagieren schon und ergreifen die Initiative. Eine BVL-Untersuchung vor etwa sechs Jahren hat ergeben, dass 80 Prozent der Logistikfunktionen kostensparend ausgelagert werden können, eine weitere Untersuchung zwei Jahre später zeigte jedoch, dass von diesen 80 Prozent erst 45 Prozent bei den Dienstleistern angekommen waren. Hier gibt es noch sehr viel Potenzial, die Kontraktlogistiker werden einen regelrechten Boom erfahren. Der Nachfragerückgang führt aber auch zu einer Atempause. Die sollte man nutzen um nachzudenken, wie man sein Unternehmen, seine Strukturen neu organisieren und optimieren könnte. Wenn man sich beispielsweise die Häfen ansieht, so hat der Containerverkehr zwar um 25 Prozent abgenommen, liegt aber dennoch weit über den Vergleichswerten des Jahres 2004! Die Zahlen täuschen zum Teil, da es in den letzten Jahren sehr starkes Wachstum gegeben hat. Ehrlich gesagt wären neuerliche Zuwächse in diesem Ausmaß wohl gar nicht zu bewältigen gewesen! Nun jedoch können die Verantwortlichen alles neu organisieren, um auf den Aufschwung vorbereitet zu sein. Eine gute Lösung zur Bewältigung der Situation ist in meinen Augen auch die Kurzarbeit. Die hat es immer schon gegeben, etwa in der Bauindustrie, und sie ist für schwierige Übergangszeiten – und momentan befinden wir uns zweifellos in einer – bestens geeignet. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Gelegentlich stehe ich beratend zur Seite und erhalte auch konkrete Angebote, allerdings habe ich meine Tätigkeiten bewusst zurückgefahren, um mich anderen Dingen widmen zu können, beispielsweise dem Schreiben von Büchern. Die Quintessenz Ihres Erfolges? Ich habe es geschafft, mit Ideen und erarbeiteten Dingen eine positive Resonanz zu finden, habe viele sympathische Menschen getroffen und Alles in Allem eine gute Ernte erzielt. Herzlichen Dank fürs Gespräch. Angelika Thaler Zur Person Hanspeter Stabenau wurde am 01.11.1934 in Königsberg/Ostpreußen geboren. Er absolvierte 1959 das Studium der Volkswirtschaftslehre (Schwerpunkt Verkehrswissenschaft) an der Universität Köln und übernahm dort im Anschluss bis 1961 eine Assistenzstelle. 1961 promovierte er zum Dr. rer. pol. Er wurde als zweiter hauptberuflicher Dozent an die DAV (Deutsche Außenhandelsund Verkehrsschule) Bremen berufen, wo er 1966 auch die Studienleitung übernahm. Gemeinsam mit dem BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) initiierte er 1974 das erste Logistikmanagementseminar. 1978 wurde die Bundesvereinigung Logistik (BVL) gegründet, deren Vorstandsvorsitz er bis zum Jahre 1999 innehatte. Im Jahr 1979 erfolgte zudem die Berufung zum Hauptgeschäftsführer des Förderkreises Wirtschaft e.V. und des Seminars für Weiterbildung in der Wirtschaft (Bremen). Von 1995 bis 1999 war Dr. Stabenau Geschäftsführer der DLA (Deutsche Logistik Akademie). Als Zeichen der Anerkennung wurde ihm im Mai 1995 das Deutsche Bundesverdienstkreuz für seine ehrenamtliche Tätigkeit in der Logistik verliehen. Von 2006 bis 2008 war er Gründungsbeauftragter des Kompetenzzentrum Logistik Bremen (KLB). Er ist Ehrenvorsitzender der BVL. www.logistik-express.at LOGISTIK express 1|2009 9

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